Sonntag, 22. November 2015

Glashütte Süßmuth, Immenhausen (Kassel)...11.2015...V.

Glashütte Süßmuth, Immenhausen (Kassel)...11.2015...V.






Das Experiment Süßmuth : Die Hütte der Arbeiter
Können Lohnempfänger gleichzeitig Unternehmer spielen? 

Von Heinz Michaels (zeit.de)
 
Es könnte ein Bild von Adolf von Menzel sein: spärlich beleuchteter Kellerraum; Männer mit langen Eisenstangen holen glühend zähe Masse aus einem Feuerloch; Schweißtropfen auf ihrer Stirn und der Widerschein des Feuers; auf den Lippen Flüche.

„Das ist wirklich eine scheußliche Arbeit“, sagt Klaus Börner, der Geschäftsführer der Firma. Es ist neun Uhr abends an einem Mittwoch. Oben in der Glashütte herrscht Ruhe. Doch die Schmelzöfen für das Glas, das am nächsten Tag verarbeitet werden soll, haben jetzt ihre höchste Temperatur erreicht. Einmal in der Woche muß zu diesem Zeitpunkt die Kammer unter dem Ofen geöffnet und jene Glasmasse herausgebrochen werden, die bei der Arbeit der Glasmacher heruntergetropft ist wie die Schlacke in einem Heizungskessel. 


Bildquelle: WWW/unbekannt

Die Männer am Feuerloch sind zumeist Hilfsarbeiter. Und sie sind gleichzeitig Unternehmer, denn ihnen gehört diese Hütte, jedem theoretisch der 255. Teil. Der Mann, der uns hier unten begrüßt und mit Klaus Börner einige technische Fragen bespricht, sitzt zweimal im Monat nach Feierabend in der Gesellschafterversammlung und fordert von „seinem“ Geschäftsführer Bericht, wie die Geschäfte gehen. 

Immenhausen, ein Städtchen mit viereinhalbtausend Einwohnern, fünfzehn Kilometer nordwestlich von Kassel, hat vor zweieinhalb Jahren Schlagzeilen gemacht. Hier im Nordhessischen war zum erstenmal in der deutschen Nachkriegsgeschichte ein Betrieb, dessen Eigentümer aufgeben mußte, von der Belegschaft übernommen und in eigener Regie weitergeführt worden. 

Damals, am 17. März 1970, hatte Richard Süßmuth auf einer Belegschaftsversammlung gesagt: „Ich gebe dieses Werk, meine geliebte Glashütte, in die Hände meiner Mitarbeiter.“ Er gab ihnen ein „Glückauf“ mit auf den Weg und setzte hinzu: „In Gottes Namen.“ 


Bildquelle: WWW/unbekannt

Es waren bewegte Tage gewesen für Immenhausen, als die damals 270 Belegschaftsmitglieder um ihre Arbeitsplätze in der Hütte bangten. Richard Süßmuth war am Ende. Seit Jahren arbeitete die Glashütte mit Verlust; das Eigenkapital von 600 000 Mark war fast aufgezehrt. Es sah so aus, als sollten die Feuer unter den Glasschmelzöfen zum drittenmal erlöschen – und dieses Mal wohl endgültig.
Das erste Mal erloschen sie Ende der zwanziger Jahre mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise. Die 1898 von dem Freiherrn von Buttlar-Lamprecht gegründete Glashütte mußte Konkurs anmelden. Mitte der dreißiger Jahre versuchten die Nationalsozialisten, den Betrieb wieder in Gang zu bringen; doch das Unternehmen schlug fehl, ganze sechs Monate war die Hütte damals in Betrieb.

1946 tauchte dann Richard Süßmuth in Immenhausen auf. Süßmuth hatte von 1924 bis 1944 im schlesischen Penzing eine Glashütte betrieben, die sich bei Kennern des Kunstglases einen internationalen Ruf erworben hatte. Im Flüchtlingstreck rettete sich der Fabrikant mit der Stammmannschaft seiner Glasmacher in den Westen...

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www.zeit.de/1973/01/die-huette-der-arbeiter 








 ...Fortsetzung von Teil IV. der aktuellen Bilderserie 11.2015...























...Fortsetzung folgt...


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